Mit dem Presslufthammer aus dem ersten Weltkrieg zur Felsengalerie

Eines Morgens, vor mehr als 25 Jahren, fuhr ich nach Stilfs, um beim Pfeiferhaus nach dem Rechten zu sehen. Dabei kam ich ins Gespräch mit einem Nachbarn in Stilfs. Er fand die Künstler, die mitten in der Nacht in ihren Unterhosen oder Schlafanzügen ums Haus gingen, um über die Kellertür zum Klo und den Duschen zu gelangen, keinen so guten Anblick fürs Dorf.
„Leg doch einen Durchgang durch den Fels, von der Küche aus 3 Meter in den Felsen hinein, schlag eine Kurve frei und fahr dann einen Stock tiefer in den Felsenkeller, damit man innen zu den Klos und den Duschen kommt. Dann hast du von den Stilfsern Ruhe mit deinen Künstlern.“, sagte er freundlich aber bestimmt zu mir. „Warum nicht?“, erwiderte ich, „Stilfs war schließlich früher ein Bergwerksdorf und im Pfeiferhaus wohnten Bergarbeiter. Aber wie soll ich dieses Projekt beginnen?“

„Du wirst keinen Architekten oder Statiker finden, der das für dich plant, und die Gemeinde brauchst du gar nicht erst fragen, die erlaubt dir das sowieso nicht. Aber ich weiß etwas für dich.“ fuhr er fort und zeigte auf ein großes Scheunentor: „Da in meinem Stadel habe ich einen Presslufthammer aus dem ersten Weltkrieg, den kannst du für deinen Tunnel verwenden, mir brauchst du dafür nichts zu bezahlen.“ Ich willigte ohne zu zögern ein. Er war selbst überrascht von meiner prompten Antwort, lachte und zeigte mir die Maschine und wie sie funktioniert. „Allerdings“,sagte er, „musst du die Erlaubnis von den Leuten einholen, die hier im „äußeren Winkel“ wohnen. Meine Erlaubnis hast du sofort. Vor 8 Uhr morgens darfst du nicht anfangen, und von 12 bis 3 Uhr Nachmittags haben wir Mittagsruhe, am Abend muss um 7 Uhr wieder Ruhe sein.“ An diese Zeiten hielt ich mich und kein Nachbar machte Probleme.
Der stählerne Hauptteil des Presslufthammers, den man fest platzierte – um ihn zu bewegen brauchte es vier starke Stilfser Männer – war 2 Meter hoch und 1,5 Meter breit. In ihm befand sich der Motor, Kabel- und Lüftwerk und eine Art Propeller. Von diesem Hauptteil führte ein dicker Gummischlauch zum beweglichen Presslufthammer, der cirka 60 kg wog. Man musste ihn im richtigen Winkel auf den Felsen ansetzen und mit aller Kraft die Vibration aushalten und warten, bis sich der Fels spaltet. Als Mitarbeiter hatte ich einen Stilfser Pensionisten, der mit seinem Traktor das Material wegführte. Immer, wenn ich nach ein paar Stunden einige Felsbrocken abgespalten hatte, legte ich sie auf die Ladefläche und der Stilfser führte sie in einen von der Gemeinde bestimmten Lagerplatz. Wir haben ungefähr 100 Traktorladungen Felsmaterial weggeführt.

rockhole

Mein Ansehen bei den Stilfsern stieg von Woche zu Woche und von Monat zu Monat. Niemand beklagte sich über den ohrenbetäubenden Lärm, gegen den der Lärm modernerer Presslufthämmer nahezu leise war. Besonders ältere Stilfser kamen immer öfters, um die Fortschritte des Projekts zu begutachten. Aber auch die jungen Stilfser, die mir zur Beginn eher mit skeptischer Distanz begegneten, wurden freundlicher, und ich spürte, dass sie mir nun eine Art Achtung und Bewunderung entgegenbrachten.

In mir geschah etwas mir vorher Unbekanntes. Ich wurde von Woche zu Woche süchtiger nach diesem Felsenloch, und nützte die Zeit, die ich zur Verfügung hatte, voll aus. Die vorgeschriebenen Pausen brauchte ich dringend für gutes Essen, trinken und schlafen. Andere Tätigkeiten in dieser Zeit waren undenkbar. Ich widmete mich bedingungslos dem Projekt, aber ich fühlte mich, auch sinnlich, immer mehr mit diesem Felsloch verbunden und spürte das ganze Stilfser Dorf mit seinen Bewohnern in mir. Ich schlief im Pfeiferhaus und erlebte eine hundertprozentige Zugehörigkeit zum Dorf. Das Denken der Stilfser mit der viertelstündlichen Kirchenglocke, die ihre Zeit skandierte, das alles war ich auch.
Der Stilfser Bürgermeister sagte zu mir einmal im Gasthaus: „Die Stilfser sind mit deinen Arbeiten sehr zufrieden, da du immer pünktlich bezahlst.“